Die Psychologie der Relevanz (Maïeusthésie)
« Psychologie de la pertinence »Was wäre, wenn ein Symptom kein Problem, sondern eine Botschaft wäre?
Wenn wir psychisches Leid erfahren, ist unser erster Instinkt oft, nach dem zu suchen, was falsch ist: eine Wunde, die geheilt werden muss, eine Störung, die verstanden werden muss, oder ein Verhalten, das geändert werden muss.
Im Bereich der psychischen Gesundheit gibt es heute mehrere Ansätze: Psychologie und Psychoanalyse versuchen, die Mechanismen des Leidens zu verstehen, während die Positive Psychologie sich auf Ressourcen und Erfüllung konzentriert.
Thierry Tournebise bietet eine andere Perspektive: die Psychologie der Relevanz, die durch einen Ansatz namens Maïeusthésie in die Praxis umgesetzt wird.
Der Ausgangspunkt ist eine einfache und doch tiefgründige Frage: Was wäre, wenn ein Symptom kein zu beseitigendes Problem, sondern eine sinnvolle Botschaft wäre?
Dieser Ansatz lädt zu einem Perspektivwechsel ein: Es geht nicht darum zu suchen, was falsch ist, sondern was an dem, was geschieht, richtig ist.
Das bedeutet nicht, dass Leid wünschenswert ist. Es bedeutet, dass das, was sich in uns zeigt, manchmal eine tiefe Kohärenz haben kann, auch wenn wir sie noch nicht verstehen.
Das Symptom als Ruf nach einer Begegnung
In diesem Ansatz wird ein Symptom nicht als zu bekämpfender Feind betrachtet. Es kann der Ausdruck von etwas sein, das gehört werden möchte.
Maïeusthésie spricht nicht von einem „Teil des Selbst", der repariert werden muss. Vielmehr lädt sie uns ein, einem „Sein des Selbst" zu begegnen: der Person, die wir einst in einem bestimmten Moment unserer Geschichte waren und deren Erfahrung möglicherweise nicht vollständig anerkannt wurde.
Dies kann das Kind oder der Jugendliche sein, der wir einmal waren. Wonach verlangt wird, ist nicht nur das, was geschehen ist, sondern die Person, die es erlebt hat.
Ein Beispiel
Stellen Sie sich ein siebenjähriges Kind vor, das einen Unfall erlebt. In vielen Ansätzen liegt der Fokus auf dem traumatischen Ereignis oder den damit verbundenen Emotionen.
In Maïeusthésie verschiebt sich der Fokus: Er richtet sich auf das Kind, das diese Person im Alter von sieben Jahren war.
- Wie hat es diesen Moment erlebt?
- Was hat es gefühlt?
- Wurde es in seiner Erfahrung gesehen, gehört und anerkannt?
Manchmal ist nicht das Ereignis selbst ungelöst, sondern die Person, die es durchlebt hat. Der vorgeschlagene Weg besteht darin, dieser Person mit der Anerkennung zu begegnen, die zum damaligen Zeitpunkt vielleicht gefehlt hat.
Warum tritt ein Symptom auf?
Wenn man mit einem schwierigen Ereignis konfrontiert ist, kann eine Erfahrung im Moment nicht immer vollständig anerkannt werden. Nicht weil die Person schwach ist, sondern weil die Umstände es nicht zuließen.
Das Symptom wird zu einer Weise für dieses „Sein des Selbst", sich bemerkbar zu machen – nicht um uns zu stören, sondern um unsere Aufmerksamkeit auf das zu lenken, was nach Anerkennung verlangt. Wenn diese Anerkennung stattfindet, kann etwas seinen rechtmäßigen Platz wiederfinden und Frieden schließen.
Eine andere Art der Begleitung
Diese Perspektive verändert den Ansatz des Therapeuten grundlegend. Er sucht nicht nach dem, was korrigiert werden muss. Er sucht nach dem, was nach Präsenz, Respekt und Anerkennung verlangt.
Aus dieser Sicht geht es im Prozess nicht nur um Heilung. Es geht auch um Erfüllung: dass etwas seinen rechtmäßigen Platz findet und seine Integrität wiedererlangt.
„Wir sagen nicht, dass eine Frau nach der Geburt von ihrer Schwangerschaft 'geheilt' ist. Vielmehr erkennen wir an, dass ein Prozess seine Erfüllung erreicht hat."
Genauso können bestimmte Symptome verschwinden, nicht weil sie bekämpft wurden, sondern weil das Wesen, zu dessen Begegnung sie uns eingeladen haben, endlich anerkannt wurde.
Maïeusthésie: Die Praxis
Maïeusthésie ist die praktische Anwendung dieser Psychologie der Relevanz. Sie basiert auf einer Qualität des Zuhörens und der Präsenz, die es jeder Person ermöglicht, dem zu begegnen, was darauf wartet, anerkannt zu werden.
Es geht nicht darum, eine starre Methode anzuwenden, sondern das, was entsteht, im eigenen Rhythmus der Person zu begleiten.
Kurz gesagt
Maïeusthésie steht anderen therapeutischen Ansätzen nicht entgegen; sie bietet einfach eine andere Perspektive.
Eine Perspektive, die anerkennt, dass unsere Symptome nicht unbedingt Fehler sind. Sie können manchmal Einladungen sein, einem tieferen Teil unserer Geschichte zu begegnen: einem „Sein des Selbst", das darauf wartet, gehört und vollständig anerkannt zu werden.
Was wäre, wenn unsere Symptome nicht nur Hindernisse wären, die es zu überwinden gilt, sondern auch Wege, die uns zu uns selbst zurückführen?
Foto: Athos Rivera
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